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Reaktiver Hund – Blickfixierung als Trainingsziel?

Wer einen reaktiven Hund hat, kennt wahrscheinlich den Gedanken: „Würde er sich jetzt einfach auf mich konzentrieren können, würde er nicht austicken!“ Was das genau bedeutet und welche Probleme sich daraus ergeben können, erfährst du hier.

Trainingsziel Blickfixierung – Was das bedeutet

Im Training von reaktiven Hunden wird immer wieder der Fokus auf den Menschen trainiert, das sieht dann z.B. so aus:

  • Bsp. 1: Der Hund lernt, auch wenn sein Erzfeind vorbeigeht, vorzusitzen und seinen Menschen anzusehen.
  • Bsp. 2: Der Hund lernt im Fuß mit ständigem Blickkontakt zum Menschen am eigentlichen Auslösereiz (bspw. Hund, Mensch) vorbeizugehen.

Auf den ersten Blick erscheint das absolut erstrebenswert, immerhin kippt der Hund nicht ins Aggressionsverhalten!

Aber was passiert dabei eigentlich: Im Grunde wird ein Alternativverhalten (bspw. vorsitzen, Fuß gehen) zum Bellen/ Knurren/ Fletschen aufgebaut und unter höchster Ablenkung (dem Auslösereiz) trainiert, damit es selbst dann noch sicher gezeigt werden kann. Richtig trainiert, wird dieses Verhalten auch unter höchster Erregung noch sicher gezeigt. Ist das das alleinige Trainingsziel, liegt aber genau hier auch das Problem, denn:

Blickfixierung macht nicht umweltsicher!

Der Hund mag das trainierte Verhalten noch ausführen, ist dabei aber wahrscheinlich stark erregt, denn was er dabei nicht gelernt hat, ist sich mit dem Auslösereiz auseinander zu setzen und diesen als zumindest in Ordnung einzustufen!

Problem 1: Emotionale Ursache für das reaktive Verhalten ist noch immer vorhanden

Wird rein daran trainiert, dass der Hund sich auf seinen Menschen fokussiert, wird ihm nie die Chance gegeben sich mit seinem Auslösereiz auseinander zu setzen und diesen als positiv zu erleben. Wird das in geschützten Trainingssituationen ermöglicht, kann sich die bis dahin negative Emotion zu einer positiven oder zumindest neutralen verändern. Und genau das sollte Ziel sein, denn dann ist Aggressionsverhalten gar nicht mehr nötig!

Problem 2: Reizüberflutung –> erhöhte Stressbelastung –> wenn, dann stärkere Reaktionen

Da der Hund nie gelernt hat den Auslösereiz als neutral/ positiv wahrzunehmen, wird er diesen als unangenehm empfinden – auch, wenn er in der Situation kein Aggressionsverhalten, sondern das antrainierte alternative Verhalten, zeigt! Das stresst – und begünstigt damit schnellere und stärkere Reaktionen (u.a. wg. der Adrenalinausschüttung).

Wichtig: Zu „Überreaktionen“ kann es in der eigentlich schwierigen Situation, aber auch danach kommen!

  • Es kann schnell zu Situationen kommen, in denen der Hund den Blick eventuell doch abwendet – bspw., wenn er von einem oder mehreren freilaufenden Hunden bedrängt wird. Er hat dann aber nicht einmal gelernt sich mit Hunden, die mehrere Meter entfernt sind, auseinanderzusetzen, d.h. diese Situation wird ihn komplett überfordern und er wird daher noch heftiger reagieren.
  • Kann der Hund das trainierte Verhalten zeigen, fühlt sich aber trotzdem eigentlich unwohl in der Situation, kann es sein, dass er später am Tag in einer ganz anderen Situation überreagiert.
    Vgl.: Man hat einen stressigen Tag, kommt nach Hause und wird vom Partner dann auch noch gebeten, ein Bier aus der Küche zu holen. Sonst würde man sagen „Klar, gerne.“, heute aber reicht es und man reagiert sauer „Hol dir das doch selbst!“ – und das, obwohl der Partner eigentlich gar nichts für den Stress kann, den man bis dahin hatte.

Wann es doch Sinn machen kann

Den Hund mit allen (netten) Mitteln der Kunst davon abzulenken zu seinem Auslösereiz hinzusehen macht als Notfalllösung aber durchaus Sinn – immerhin wird damit das unerwünschte Verhalten (bellen, knurren, fletschen etc.) verhindert und der Hund übt dies nicht.

Wird also daran trainiert auch die Emotion zu verändern und man schlittert trotz aller Managementmaßnahmen doch einmal in eine brenzlige Situation, kann das eine gute Idee sein. Aber: Dafür muss der Fokus nicht auf den Menschen gelenkt werden, sondern z.B. auf besonders gute Leckerchen. Das ist dann zwar ablenken – für die meisten Hundehalter sprengt es aber die Möglichkeiten neben dem eigentlichen Training auch noch zusätzlich eine Blickfixierung auf so hohem Niveau zu trainieren, um sie dann nur in absoluten Ausnahmesituationen einzusetzen.

Von | 2018-01-04T21:46:31+00:00 20.07.2016|Aggression, Training|
Lara hat international mehrere Ausbildungen mit den Schwerpunkten Training und Verhalten von Hunden absolviert (D, USA online, UK), zusätzlich besuchte sie für ein Jahr einen Kurs zu Energetik und Tierkommunikation (AUT). Ihre Trainingsschwerpunkte sind Welpen und die Arbeit mit Hunden mit Verhaltensauffälligkeiten. Sie ist Mitglied der Netzwerke Trainieren statt dominieren und TOP-Trainer. Damit hat sie sich nicht nur dem modernen, gewaltfreien Umgang mit Tieren verschrieben, sondern gehört mit den TOP-Trainern der einzigen deutschsprachigen Vereinigung an, deren hohes Ziel es ist, effizientes Tiertraining auf höchstem Niveau anzubieten.

Ein Kommentar

  1. Onelly 23. Februar 2018 um 13:33 Uhr - Antworten

    Ein wirklich toll geschriebener Artikel, dem ich, hätte ich nicht andere Erfahrungen mit meinem Hund machen müssen, auch so zustimmen würde.
    Mein Hund und ich sind im IPO Sport unterwegs. Mein Hund steht gut im Gehorsam und ich komme mit Blickfixierung sehr entspannt an anderen Hunden vorbei.
    Die „Methode“ Gehorsam klappt bei uns demnach sehr gut. Den im Artikel beschriebenen Aspekt der Auseinandersetzung mit der Umwelt können wir damit aber nicht erfüllen. Das ist ein Punkt den ich gerne anders gelöst hätte – denn dieser Punkt ist sehr wichtig meiner Meinung nach – den ich aber so, auch mit langer Trainingszeit nicht umsetzen konnte.

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